Florian Schumacher ist Experte für Self-Tracking, smarte Fitnessarmbänder und Uhren. Im Interview mit Ketchum Pleon spricht der Digital Health Consultant über die Zukunft der Apple Watch, den deutschen Markt und die Chancen für Kommunikatoren.

Immer mehr Modelle, immer mehr Anwendungen, immer mehr Anwender – und immer spannender für Kommunikatoren: Wearables wandeln sich vom Nischenprodukt für Technikverliebte zum Massenphänomen. Smarte Uhren und Activity-Tracker könnten für manche Zielgruppen schon bald ganz selbstverständlich zum Kommunikationsmix gehören – als mobiler Kanal und als Bindeglied zwischen Mensch und vernetzter Umwelt. Doch wer nutzt Wearables im Moment und in Zukunft? Welche Anwendungen werden sich durchsetzen? Und was sind die Herausforderungen für Content-Anbieter? Wir sprachen mit dem deutschen Experten für Self-Tracking und Wearables, Florian Schumacher.

Florian Schumacher

Florian Schumacher ist Digital Health Consultant bei der Münchner Unternehmensberatung iic-solutions und Gründer von Quantified Self Deutschland. Der Ingenieur und Design Thinker unterstützt Unternehmen dabei, digitale Sport-, Gesundheits- und Wellness-Produkte zu entwickeln.

Herr Schumacher, Uhr oder Armband, Apple oder Nike – wer macht das Rennen?

Smartwatches und Activity-Tracker haben ihre eigenen Zielgruppen. Im Moment haben aber die einfachen smarten Aktivitätszähler klar die Nase vorn. Günstige Preise, einfache Bedienung und die lange Akkulaufzeit machen die Geräte insbesondere für Nutzer interessant, die im Alltag etwas für ihre Gesundheit tun wollen. Mit automatischer Schlafmessung, integrierter Pulssensorik und immer öfter auch GPS-Tracking eignen sich die Geräte auch zunehmend als Motivationshilfe beim Sport und vermitteln ein ganzheitliches Bild vom eigenen Lebensstil. Auch die meisten Smartwatches bieten Funktionen wie Schrittzähler und Pulsmessung. Wegen der kurzen Akkulaufzeit muss man die Geräte jedoch fast jede Nacht aufladen. Eine Schlafmessung ist daher nicht möglich. Stattdessen bieten die smarten Uhren viele Funktionen für den vernetzen Alltag, zum Beispiel die Navigation mit einer Straßenkarte am Handgelenk oder Benachrichtigungen über eingehende Mails und Anrufe.

Wer nutzt Wearables im Moment?

Die Fitness-Tracker werden von allen Altersgruppen und Geschlechtern genutzt, mit einer etwas höheren Verbreitung bei sehr jungen technikaffinen Nutzern und gesundheitsbewussten älteren Anwendern. Zu den Nutzern der Smartwatch gehören überwiegend Männer. Hier spielt die Technik-Affinität eine noch größere Rolle und die großen Displays und Gehäuse vertragen sich oft nicht mit dem Mode-Empfinden der Damenwelt. Die Mehrheit der Wearable-Nutzer verwendet die Geräte, um sich zu einem gesunden Lebensstil zu motivieren. In den nächsten Jahren entstehen aber auch spannende Möglichkeiten für Menschen mit chronischen Erkrankungen oder hohen Gesundheitsrisiken. Smartwatches werden schon bald einen Teil der gesundheitsbewussten Zielgruppe für sich gewinnen und das Modell von Apple dürfte entscheidend zum Erfolg der Kategorie beitragen. Interessant sind die Smartwatches insbesondere für die junge Generation, die sie zur Kommunikation oder für Spiele einsetzen wollen.

Welche Anwendung ist besonders zukunftsträchtig?

Schon heute von Interesse sind die Smartwatch-Apps, mit denen man die Geräte an die eigenen Bedürfnisse anpassen kann. Insbesondere stark vernetzte Anwender und Bewohner von Smart Homes dürften von den neuen Möglichkeiten profitieren. Eines der Killer-Features von Apple ist die Möglichkeit, mit der Smartwatch zu bezahlen. Das dürfte in Deutschland aber noch einige Zeit auf sich warten lassen: Die Mobile Payment Infrastruktur entwickelt sich bei uns sehr langsam.

Sehen Sie weitere Startschwierigkeiten?

Derzeit gibt es nur wenige Anwendungen mit einem dauerhaft hohen Nutzen. Insbesondere bei der Beobachtung des eigenen Lebensstils mit Fitness-Wearables flacht nach einigen Monaten die Lernkurve ab und die Geräte landen in der Schublade. Auch bei Smartwatches gibt es einen schmalen Grat zwischen sinnvoller Anwendung und zusätzlichem Aufwand für das tägliche Laden. Die nächste Generation der Activity-Tracker bietet mit ihrem erweiterten Funktionsumfang jedoch auch nach der anfänglichen Begeisterung noch interessante Einsatzmöglichkeiten. Und der Nutzen von Smartwatches steigt mit der Anzahl der Apps, die die Geräte im Alltag unverzichtbar machen.

Welche Hürden müssen Kommunikatoren überwinden, die Wearables einsetzen wollen?

Kommunikatoren, die Wearables als Kanal für sich nutzen wollen, sehen sich derzeit mit einer Vielzahl konkurrierender Plattformen konfrontiert. Jedes System hat spezifische Eigenschaften und muss mit eigenen Apps bedient werden. Allerdings sage ich eine Konzentration auf die Apple Watch und auf Geräte voraus, die auf Android-Wear basieren. Die Kommunikation über Wearables erfolgt dabei noch direkter und muss eine hohe Relevanz zum Kontext des Nutzers aufweisen. Andernfalls ist die Benachrichtigung schnell weggeklickt oder ganz deaktiviert.

Wann werden Wearables ein Massenmarkt sein?

In Amerika besitzt schon heute jeder fünfte ein Wearable und im kommenden Jahr sollen weltweit über 150 Millionen Geräte verkauft werden. Deutschland liegt im Vergleich zu den USA zwar deutlich zurück, ist aber dennoch der größte Markt für Wearables in Europa. In den nächsten Jahren dürften Deutschland und viele andere Länder Europas schnell aufholen. Gesundheit und Fitness spielen auch hier eine Rolle und unser Gesundheitssystem braucht dringend Innovationen. Für die Smartwatches erwarte ich für Deutschland eine im internationalen Vergleich etwas zurückhaltende Entwicklung. Dennoch wird 2015 das Jahr der Wearables. Smartwatches dürften erstmals Anklang im Mainstream finden und die großen Hersteller der Activity-Tracker haben interessante Weiterentwicklungen ihrer Geräte vorgestellt.

Das Gespräch führte Christian Decker, Consultant bei Ketchum Pleon.

Florian Schumachers Blog

Fotocredit: CC BY 2.0, Neptune Pine4