Warum beflügelt 3D-Druck die Fantasie von Analysten, Entrepreneuren, Wissenschaftlern und Börsen? Ganz einfach: Bislang kauft der Konsument, was die Industrie anbietet. 3D-Druck macht Schluss mit den „One-size-fits-all“-Lösungen. Das Zeitalter der Produkt-Unikate ist auch für Kommunikatoren interessant…

Ein Beitrag aus unserem aktuellen KP Inspire-Magazin “Inspire #07: Die Neumacher”:

3D-druckDie gute Nachricht vorweg: 3D-Druck ist keine neue, ungetestete Technologie – im Gegenteil. In der Industrie ist 3D-Druck bereits seit zwei Jahrzehnten etabliert. Dennoch ist er für die meisten von uns
ein Inbegriff von Innovation. Zum einen wächst die Zahl der Branchen und Produkte, für die 3D-Druck an Bedeutung gewinnt, mit jedem Monat. Zum anderen werden 3D-Drucker in der Anschaffung
für Privatpersonen immer günstiger.

Selbst in einem Airbus A350 stecken mittlerweile rund tausend 3-D-gedruckte Einzelteile, die ihn eine ganze Tonne leichter machen. Auch der Prototyp Ihres Wagens entstand auf Stereo-Lithografie-
3D-Printern. Sogar Chirurgen drucken Anschauungsobjekte, um Eingriffe präziser zu planen und sich optimal auf schwierige Operationen vorbereiten zu können; im Labor wird bereits an 3D-gedruckten
Organen geforscht. Auch Architekten nutzen die innovative Technologie, um Auftraggebern detaillierte Modelle zu präsentieren. Und Sterneköche verzieren Nachspeisen mit 3D-gedruckten Botschaften
aus Schokolade und Zuckerguss.

Vor zwei Jahren sind nun Patente ausgelaufen: Jetzt kann man sich auch privat einen 3D-Drucker leisten, zum Beispiel vom Ketchum Pleon Kunden Dremel. Das beflügelt die Fantasie der „Maker“, eine
neue Generation von Bastlern, die moderne Technologie für sich entdeckt haben. Sie entwerfen Gegenstände mit CAD-Programmen nach ihrem Gusto und drucken sie auf günstigen Heimprintern aus.
Ihre Designs sind oft cleverer, witziger, praktischer und kompromissloser als das, was in Entwicklungsabteilungen der Industrie ersonnen wird. Ihre Entwürfe legen sie im Internet offen. Manche sind gegen eine kleine Gebühr erhältlich, die meisten aber sind kostenlos. Auf Thingiverse stehen inzwischen 400.000 kostenlose Produkte zur Verfügung, die es in Läden noch gar nicht gibt. Die Hobby-Macher werden so zu Anbietern, die in Konkurrenz zur traditionellen Industrie treten.

Sobald Gegenstände nicht mehr physisch, sondern digital vorliegen, beginnt der Spaß erst richtig. Zum Beispiel in der Lagerhaltung: Aufträge werden nun einfach „on demand“ gedruckt. Auch der Herstellungsort wird irrelevant: Statt ein Werkstück quer um die Welt zu schippern, sendet man ein kleines File, das dann am Zielort gedruckt wird. Was das für die Logistikbranche bedeutet, muss man nicht erläutern; ebenso wenig, warum die NASA an druckbaren Habitaten für die Marsmission arbeitet. Dadurch eröffnen sich bisher ungeahnte Möglichkeiten und Chancen. Die Idee der „Products on demand“ besitzt so viel Sprengkraft, dass Marktforscher von Canalys der Branche ab 2016 exponentielles Wachstum prognostizieren.

Wer heute schnell ist, kann morgen vom 3-D-Druck profitieren
3D-Druck besitzt das Potenzial, eine neue industrielle Revolution auszulösen. Fürs Erste werden kleine, agile Unternehmen profitieren. US-Marktforscher Terry Wohlers, der seit 20 Jahren die Branche
untersucht, meint: „Es ist extrem einfach, ein Start-up im 3D-Druck-Kosmos aufzumachen. Dazu muss man weder teure Maschinen kaufen noch Design-Know-how besitzen. Sie können Schmuck von Profis designen lassen, sich individualisierte Werkzeuge ausdenken, Dekoration für zu Hause entwerfen – was immer Sie wollen und brauchen. Wir erwarten Hunderte, wenn nicht gar Tausende webbasierende
Firmen, die solche 3D-druckbaren Objekte anbieten werden.“

Doch 3D-Druck hat auch klare Schwächen. Bis ein Objekt fertig druckt, können Stunden vergehen – weshalb die Technologie für große Chargen oder Massenfertigung keinen Sinn ergibt. Zweitens lassen Bedienkomfort und Zuverlässigkeit der Heimdrucker häufig zu wünschen übrig: Fehldrucke, Softwareprobleme und verstopfte Düsen gehören zum Alltag jedes Makers. Und drittens benötigt man
erst einige Kenntnisse und Fähigkeiten, bevor es losgehen kann. Um ein Objekt zu erstellen, muss man CAD beherrschen, sich in Materialkunde auskennen und viel Zeit mitbringen.

Wie sich 3D-Druck auf die Kommunikation auswirkt
Was bedeutet 3D-Druck nun für die Kommunikation? Solange Sie nicht in einer 3D-Druck-affinen Branche arbeiten, verändert sich für Ihre tägliche Arbeit erst einmal wenig. Trotzdem können Sie sich
frühzeitig auf den großen Sturm vorbereiten, wenn Sie diese Gedanken berücksichtigen:

1. Unikate statt Massenware
Kunden lieben persönliche Produkte, die Flasche mit dem eigenen Namen, die Handyschale mit dem persönlichen Motiv. Wie wärs also mit einem 3D-gedruckten, individualisierten Produkt für die
nächste Presseaussendung? Oder gar einem Gutschein für ein 3-D-Selfie für die besten Kunden?

2. Vom Broadcasting zum Narrowcasting
Heute ist Kommunikation meist auf ein einziges Produkt ausgerichtet. Setzt sich 3D-Druck beim Konsumenten durch, können es unzählige Varianten eines Produkts werden, die auf unterschiedliche
Märkte abzielen. Für die Kommunikation bedeutet das: bessere Chancen, in spitzen Zielgruppen Punktlandungen zu erzielen.

3. Nicht die eigene, sondern die Idee des Kunden zählt
Klar, nicht jeder Kunde wird durch 3D-Druck automatisch zum Produktgestalter. Doch gute Ideen, wie Maker sie haben, werden über kurz oder lang ins Produktdesign einfließen. Ergo wird Social-Media-Monitoring immer relevanter. Scannen Sie also frühzeitig die Zielgruppe der Maker.

4. Fördern Sie 3D-Druck-Communitys
Schreiben Sie Gewinnspiele aus, um 3D-Design-Talente frühzeitig für sich zu gewinnen. Wer heute mit einer cleveren Idee einen Fuß in die Maker-Gemeinde bekommt, macht sich in dieser Szene Freunde fürs Leben. Kleines Beispiel: Hoover veröffentlichte die Daten eines Staubsaugermodells – und lagerte so die Produktentwicklung für Zubehör in die Crowd aus. Die Files stehen nun jedermann unentgeltlich
zur Verfügung (vor allem der Taschenlampen-Aufsatz ist cool). Hoover erzielte so ohne viel Aufwand einen beachtlichen PR-Stunt.

5. Probieren Sie 3D-Druck aus
Wenn Sie technisch wenig affin sind und keinen 3D-Drucker kaufen wollen, besuchen sie ein „Fablab“ (gibts in den meisten Großstädten). Hier können Sie 3D-Druck vor Ort ausprobieren.

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Welcher 3-D-Typ sind Sie?
Typ 1: 3D wird in Ihrem Unternehmen Einzug halten? Laden Sie Produktentwickler und alle Kommunikationsdisziplinen ein und sprechen Sie über zukünftige Einsatzbereiche und bereits
bestehende Kontakte. Dann können Sie frühzeitig beginnen, ein Influencer-Netzwerk aufzubauen und sich auf den Start vorbereiten.

Typ 2: 3D ist eher ein Nebenprodukt und wird bei Ihnen indirekt zum Einsatz kommen, wenn zum Beispiel Nutzer selbst Ergänzungen für Produkte vornehmen. Hier ist eher der Blick auf die Zielgruppen sinnvoll – wann macht es Sinn, Maker und Nutzer aktiv einzubinden und zu vernetzen?

Typ 3: Weder im Service- noch Produktbereich ist 3D bei Ihnen realistisch? Dann nutzen Sie den Überraschungseffekt: Auf Veranstaltungen, bei Mailings, Messen etc. kann 3DDruck – sinnvoll eingesetzt – schnell zu Gesprächen über die spezielle Entwicklung der Branche und über Innovationen im Allgemeinen führen.

 

3D-Druck: So gehts
Gute Heimdrucker kosten circa 1.000 Euro. Printer von Dremel, Makerbot, Ultimaker oder Zortrax drucken von Plastikspulen (ABS, biologisch abbaubares PLA, Nylon) und erzielen erstaunlich gute Ergebnisse. Sie arbeiten wie computergesteuerte Heißklebepistolen; in hauchdünnen Lagen
(nur wenige Mikron dick) wird das Material Schicht für Schicht aufgetragen, bis schließlich das gewünschte Objekt entsteht.

Noch bessere Qualität bieten die Profi-Druckdienstleister Shapeways, i.Materialise oder Sculpteo. Man schickt ihnen ein „ST L-File“, das ist eine Art Schnittmusterbogen für 3D-Printer, und erhält ein professionell gedrucktes Objekt. Profimaschinen drucken in Metall (unter anderem Stahl, Gold, Silber, Bronze oder Titan), Keramik, Holz, Wachs, Kunstharz oder Gips. Die Qualität ist nicht von industriell gefertigten Produkten zu unterscheiden. Einen guten Preisvergleich der Dienste finden Sie unter 3dp.click.

 

@Patrick Lithander und @Anatol Locker
Patrick Lithander leitet als Managing Director Ketchum Pleons Digitalbereich. Neben der Faszination für nachhaltige digitale Veränderungen schlägt sein Herz für Innovationen, die Unternehmen dazu bringen, neue Wege zu beschreiten.

Anatol Locker gehört zu den Pionieren des Computer-Journalismus in Deutschland. Er gründete und führte Magazine und Online-Angebote zu technischen Themen und arbeitet als freier Autor für ZDF/heute.de. 2013 co-gründete er All3DP.com, ein redaktionelles internationales Portal zum Thema 3D Druck.