Im Interview mit dem Inpire Magazin von Ketchum Pleon spricht Prof. Joachim Klewes über Werte, Wandel
und die Wahl der richtigen Rennstrecke.

Herr Professor Klewes, in den Managementetagen wird beklagt, dass sich künftige Marktentwicklungen immer schwieriger vorhersagen lassen. Prognosen werden kassiert, in regelmäßigen Abständen werden Strategiewechsel ausgerufen. Dies erweckt den Eindruck, dass wir in einer Periode der Unsicherheit und Instabilität leben. Teilen Sie diese Einschätzung oder suchen sich die Medien gezielt solche Schlagzeilen aus?
Ganz klar: Heute ist das Tempo der Veränderung so hoch, dass Unternehmen, Manager und Mitarbeiter viel mehr Unsicherheit aushalten müssen. Den Medien bleibt gar nichts anderes übrig, als das zu verarbeiten – mal recht, mal schlecht. Für uns als Berater bedeutet das leider oft, dass sich die Halbwertzeit unserer Empfehlungen drastisch verringert. Beratung heute ist deutlich anspruchsvoller als vor zwanzig oder dreißig Jahren.
Woran können sich Unternehmen in Phasen der Instabilität und Unsicherheit dann noch halten? Worauf kommt es jetzt vor allem an?
Ich hab noch nie zu denen gehört, die mit einem Patentrezept oder einer einfachen Lösung um die Ecke gekommen sind. Also, es gibt nicht die eine Sache, auf die es ankommt. Das ist wie bei einer Regatta: Wenn du als einer der Ersten ankommen willst, musst du nicht nur den richtigen Kurs wählen, nicht nur den Wind riechen, gekonnt trimmen und das Boot nicht zu leicht und nicht zu schwer machen, nicht nur die richtige Crew trainiert haben – es muss alles zusammenspielen. Um im Bild zu bleiben, jedes Unternehmen sollte sich auch fragen: Will ich überhaupt an diesem Rennen teilnehmen? Will ich überhaupt segeln oder vielleicht besser in einer anderen Disziplin vorwärtskommen? Ich meine also, für Unternehmen kann es nicht nur darum gehen, dass sie sich in einer Zeit der Instabilität möglichst perfekt anpassen, sondern dass sie versuchen, selbst die Spielregeln zu definieren.
Wie gelingt es dem Management von Unternehmen, wieder mehr Gelassenheit und Souveränität in der Führung zu erlangen, anstatt nur von Veränderungen und Veränderungsinitiativen getrieben zu werden?
Na ja, allzu gelassen sollte das Management auch nicht sein. Ich plädiere schon für eine hohe Wachsamkeit. Und die Lösungen sind auch für die unterschiedlichen Etagen im Management unterschiedlich. Es gibt aber ein paar gute Ansätze, die praktisch überall funktionieren. Klare Grundwerte gehören dazu. Hoher Konsens in der Führungsspitze und in den Teams – daran kann man arbeiten. Eine offene Unternehmenskultur, die Probleme frühzeitig erkennt und anspricht. Hört sich einfach an, aber: Werden diese drei Aspekte gelebt, kann sich das Management nicht mehr verstecken. Das ist durchaus anstrengend, aber wir als Kommunikationsberater können dabei unterstützen!
Gibt es Erfolgsmuster, die Unternehmen vor Jahrzehnten vor Krisen bewahrt haben und heute noch gelten?
Eindeutig ja! Die Bereitschaft, Erfolgsmuster über Bord zu werfen und immer wieder neue auszuprobieren. Also das „love it, change it, leave it“ auch als Unternehmen zu leben.
Welches Erfolgsgeheimnis haben traditionsreiche Konzerne wie Bayer, MAN, Carl Zeiss oder Siemens, die mehr als hundert Jahre fortbestehen?
Gegenfrage: Sind das noch die gleichen Unternehmen wie vor hundert oder auch nur vor fünf Jahren? Keineswegs. Also gilt auch hier: Hätten sich diese Firmen nicht verändert, gäbe es sie schon längst nicht mehr.
In welche Richtung wird sich Change-Management/Change- Kommunikation entwickeln bzw. entwickeln müssen, um mit der hohen Change-Geschwindigkeit mithalten zu können? Oder ist es zunehmend die Aufgabe der Change-Manager und -Kommunikatoren, genau diese Geschwindigkeit aus den Prozessen herauszunehmen?
Nein, das ist nicht ihre Aufgabe. Ich glaube nicht an Beschleunigung oder Entschleunigung. Ich meine, es kommt vielmehr darauf an, für jede Veränderungsstrecke das richtige Tempo herauszufinden und dann zu entscheiden, ob und wie man das Tempo fahren kann oder nicht. Wenn das nicht geht, sollte man eine andere Strecke wählen. Gerade wir als Berater sollten uns nie mit dem „Wie“ zufrieden geben, sondern immer das „Ob“ und „Was“ mitdenken. Sonst sind wir unser Geld nicht wert.

 

Dieses Interview ist Teil des Inspire Magazins von Ketchum Pleon. Weitere Informationen zu uns und zum Thema Change finden Sie auf unserem Slideshare Kanal.