Jenseits von allen Trends und Modeerscheinungen gibt es fünf Basics, die aus jedem Printprodukt ein Schmuckstück machen. Doch deren Handling will gelernt sein. Ein Crashkurs für Publishing-Anfänger.

Form follows function – auch heute noch.
Die digitale Welt dreht sich rasant. Da ist die Verlockung groß, möglichst jede Neuerung auszuprobieren und passende Projekte zu schaffen. Ob dies jedoch wirklich zielführend ist, steht auf einem anderen Blatt. Das zeigt beispielsweise die App-Schwemme der vergangenen Jahre. Eine aktuelle Studie belegt: 80 Prozent aller Marken-Apps werden weniger als 1.000-mal geladen. Deshalb die Empfehlung: Schuster, bleib bei deinem Leisten! Inhalt, Kommunikationsziel und vor allem das Mediennutzungsverhalten der Zielgruppe haben oberste Priorität bei der Wahl der Kommunikationsinstrumente.

Schatzi, guck mal das Foto!
Ausdrucksstarke Motive, eine individuelle Bildästhetik, unmittelbare Assoziationen: Fotografie erhält heute endlich den Stellenwert in der Kommunikation, den sie schon immer verdient hat, das Bild ist der ranghöchste Botschafter für unsere (emotionalen) Kernaussagen. In der Praxis wird jedoch häufig an hochwertigem Bildmaterial gespart, da sich mit Handykameras und Photoshop ja auch schon allerhand   zurechtzimmern lässt. Ein Trugschluss. Denn um auf Social-Media-Kanälen, Website-Headern   und   Google-Suchergebnissen aus der schier überflutenden Masse herauszustechen und aufzufallen, bedarf es einer gewissen Qualität. Ein Bild sagt immer noch mehr als … na ja, Sie wissen schon.

Mut zum Weiß.
„Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor.” So schrieb es schon Johann Wolfgang von Goethe und hat bis heute recht damit: Vollgepfropfte Broschüren, Web- oder Mobile Interfaces bieten zwar viel Inhalt, vermitteln diesen jedoch nicht und haben somit schon vom ersten Moment an verloren. Insbesondere in heutiger Zeit, wo unsere Adressaten sehr genau und streng auswählen, welchen Inhalten sie ihre Aufmerksamkeit und knappe Zeit schenken. Von daher setzt sich der Weißraum (der natürlich auch bunt gestaltet sein kann) in jedem Medium konsequent durch. Vor diesem Hintergrund lauten die neuen Regeln der Kreativität: Viel freie Fläche – um die jeder Art Director stetig kämpft – strukturiert die Inhalte und hebt kompakte Texte hervor, die wirklich nur unique und notwendige Aussagen beinhalten. Für alles andere gibts dann ja Bücher.

Die neue Haptik:
Lange wurden Print und Digital gegeneinander gehandelt. Und damit hat man wohl beiden Mediengruppen unrecht getan. Heute sind wir in der komfortablen Situation, für jede Botschaft aus dem umfangreichsten Medienpool aller Zeiten wählen zu können (siehe auch 1), sodass jedes Instrument das Beste zeigen   kann, das in ihm steckt. Und das Printdesign spielt seine absolute Stärke aus: die haptische User Experience. Druckveredelungen sind heute eine wahre Wissenschaft und bieten jeder Marke eine sinnlich erfahrbare Übersetzung ihrer Inhalte. Ein Beispiel dafür ist die erfolgreiche Guerilla-Kampagne Jung von Matt/Neckar für DHL, die Konkurrenten des Paketzustellers zu unfreiwilligen Testimonials machte. Während die Ahnungslosen große Pakete, umhüllt mit Thermofolie, durch Innenstädte transportieren, taut die Oberfläche der Lieferung langsam auf – und präsentiert für alle Zuschauer gut lesbar die DHL-Botschaft „DHL is faster“.

Erlaubt ist, was gefällt. Und das erfordert noch immer Mut.
Was nicht gehasst wird, wird auch nie geliebt werden können. Will man ein Projekt, das auffällt, oder eines, das durch seine Unauffälligkeit keinen stört? Dann doch wohl das Erstere, oder? Natürlich darf man keine moralischen und geschmacklichen Grenzen verletzen – hierfür ist ein großer Feedback-Kreis selbstverständlich sinnvoll. Aber eine gute Idee und ein starkes Design zeichnen sich selten dadurch aus, dass sie frei von Kritik sind. Das schafft noch nicht einmal Apple – die wertvollste Designmarke der Welt. Gute Ideen regen ihre Empfänger zum Weiterdenken, zur Diskussion, zur Stellungnahme und im Idealfall zu einem Like! an. Und damit hat man doch schon einiges erreicht.

 

Der Artikel ist ebenfalls hier in der aktuellen Inspire-Ausgabe zu finden.