Die politische Sprache hat sich mit Floskeln wie der „Rolle rückwärts“ selbst verbraucht. Dabei muss die Rhetorik der Politik gerade jetzt Großes leisten.

„Ich habe überhaupt kein Verständnis für die Rolle rückwärts der Kollegen Gabriel und Hendricks“, poltert Bundesminister Christian Schmidt (CSU) im Streit um eine erneute Glyphosat-Zulassung. Für die Abgeordnete Julia Verlinden (Bündnis 90/Die Grünen) ist die geplante Änderung des Stromsteuergesetzes eine „Rolle rückwärts für die zentrale Energiewende“. Und Bundesministerin Manuela Schwesig (SPD) empfindet die familienpolitischen Vorstellungen der AfD als eine „gewaltige Rolle rückwärts“.

In den Auseinandersetzungen im Bundeskabinett wird die Rolle rückwärts ebenso reflexartig vorgetragen wie beim Streit um verkehrsberuhigte Zonen in Lörrach. Doch sie kommt kraftlos daher, abgestanden und flügellahm. Dem politischen Gegner kann sie im Nahkampf nicht einmal ein müdes Lächeln abtrotzen. Zu Recht hat sie sich ihren Platz im Lexikon des Grauens verdient, in dem schon vor Jahren die Auswüchse einer „furchterregenden Sondersprache“ zusammengetragen wurden. Gerade in einer Zeit, in der Populisten mit Provokationen die Debatten prägen, möchte man fragen: Was könnte einer berechtigten politischen Botschaft Schlimmeres passieren, als in einer „Rolle rückwärts“ zu (ver-)enden?

Der politische Diskurs ist derzeit von einer Sprache geprägt, die sich selbst so verbraucht hat, dass man mit ihr weder Mitstreiter mobilisieren noch Gegner einschüchtern kann – geschweige denn, die von zahllosen Rückwärtsrollen glatt geschliffene Gesellschaft in eine konstruktive politische Mitwirkung zurückzuführen. Der Erfolg der zeitgenössischen Populisten liegt – neben der eigenen Inszenierung – auch in der Sprachlosigkeit der etablierten Kräfte begründet. Eine Sprachlosigkeit, die nicht nur durch einen überraschenden politischen Gegner, sondern auch durch jahrelanges Verweilen im bequemen Raum der rhetorischen Gewohnheit verursacht wird.

Dabei ist die Rhetorik das wichtigste Instrument des Politikers – eine Erkenntnis, an die sich auch abgemerkelte Politik-Feinschmecker regelmäßig erinnern müssen. Bestechend klar schreibt Joachim Detjen:

 „Rhetorische Kenntnisse und Fähigkeiten sind dort überflüssig, wo es unbestrittene Kriterien des Wahren und Richtigen gibt, wo also Rechnen und Messen sowie logische Schlussverfahren offene Fragen zur Entscheidung bringen. Überall aber, wo der Gegenstand umstritten ist, wo es um Probleme der praktischen Vernunft geht, wo etwas, was nicht von vornherein feststeht, entschieden werden muss, wie etwa in der Politik, wo also Fragen des Glaubens und Meinens berührt sind, helfen nur rhetorische Überzeugungsmittel.

Will man das eigene Sprach-Repertoire sanieren, muss man diesen Raum verlassen. Nicht durch schrille Imitation, nicht durch über-emotionale Konfrontation. Sondern mit authentischer Ernsthaftigkeit, geistreichen Inhalten und kurzweiliger Argumentation.

Am Ende einer Rolle rückwärts folgt ein Strecksprung, heißt es im Turnen.

 

Daniel Klinge ist seit 2013 Berater für politische Kommunikation bei Ketchum Pleon.