Die Digitalkonferenz re:publica feierte Anfang Mai ihre zehnte Auflage. Ein Thema der Veranstaltung wird auch künftig den Diskurs in Politik, (Digital-)Wirtschaft und Gesellschaft stark prägen.

„Die re:publica ist zum Mainstream-Event geworden“, kommentierte Spiegel Online und lag damit nicht ganz falsch. Mit 8.000 Teilnehmern wurde ein neuer Besucherrekord aufgestellt. Das einstige Insidertreffen von Bloggern und Online-Aktivisten ist zur größten Netzkonferenz Europas herangewachsen und bot prominenten wie internationalen Speakern eine medienwirksame Bühne. Dabei war die zehnte re:publica so tagespolitisch wie nie: Neben Vorträgen von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, EU-Kommissar Günther Oettinger, US-Botschafter John Emerson und des vorsitzenden Richters des Bundesgerichtshofs Thomas Fischer war eines der Highlights die Live-Schaltung mit Whistleblower Edward Snowden. Zudem stellte Greenpeace auf der Konferenz die TTIP-Leaks vor und SZ-Journalist Frederik Obermaier erläuterte die Enthüllungen der Panama Papers.

Eben Moglen & Mishi Choudhary auf der re:publica TEN re:publica/Jan Zappner (CC BY 2.0)

Der netzpolitische Diskurs 2016

Konferenz-Mitgründer Markus Beckedahl und Deutschlands wohl bekanntester Blogger Sascha Lobo nutzten die diesjährige Ausgabe um in ihren Vorträgen rückblickend zu verdeutlichen, dass viele der Themenschwerpunkte und Missstände von 2007 leider immer noch bzw. schon wieder relevant sind: Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität und die Macht der Datenkraken stehen auch 2016 auf der Agenda. Dennoch waren die Themen wieder so vielfältig wie ihre Redner: Von Snapchat bis Blogger-Rechte, von E-Commerce bis NSA-Überwachung, von Storytelling bis Crowdfunding, die Konferenz deckte einen Großteil der digitalen Felder ab. Dabei bemerkte man einen schon fast bipolaren Kontrast der inhaltlichen Aussagen zwischen einigen Rednern. Während das eine Lager eine optimistische Perspektive über die kommerziellen Möglichkeiten der digitalen Zukunft einnahm, zeichneten Speaker wie Eben Moglen und seine Kollegin Mishi Choudhary ein pessimistisches, schon fast dystopisches Bild. „Das Netz, das wir schaffen, ist nicht das Netz, das wir wollen“, beklagten die beiden Juristen und bezogen sich dabei auf die Überwachung, Datensammelwut und Despotie der digitalen Industriegiganten. Dass Moglen und Choudhary als Key-Note-Speaker die re:publica eröffnen durften, war dabei wohl eine ganz bewusste Entscheidung der Organisatoren, mit der man lieber zum Nachdenken anregen, anstatt eine schöne neue Welt suggerieren wollte.

Das Internet of Things (IoT) dringt mit Dingen wie Smartphone, Smart Home, Smart Living mehr und mehr in unseren analogen Alltag. Im Angesicht dieses Bedeutungszuwachses wird der Aufruf zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der digitalen Sphäre auch auf der re:publica lauter, denn die Macht einzelner Akteure wird unübersichtlich groß. Das – insbesondere im Kontext von Big Data – auftretende Risiko des Missbrauchs und der von Moglen beschworenen Despotie, erscheint gerade bei den nachfolgenden Beispielen erschreckend nah: So hält zum Beispiel Nikons Kamera-Software asiatische Gesichter für permanent blinzelnd, Google Photos kategorisiert Afroamerikaner als Gorillas, Hewlett Packards Webcam-Software „MediaSmart“ erkennt Menschen mit dunklem Hautton nicht und in bildungsschwachen, schwarzgeprägten Stadtviertel der USA bietet Amazon Prime keinen Same-day-delivery-Dienst an.

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Kate Crawford auf der re:publica TEN, CC BY 2.0 re:publica/Flickr.com

Auf dem Weg in den Digitalfaschismus?

Kate Crawfords Vortrag zur Singularität und sogenannter schwacher künstlicher Intelligenz („soft“ oder „narrow A.I.“) befasste sich mit den oben genannten Beispielen digitaler Diskriminierung durch intelligente Software. Das systematische Einteilen erinnerte die gebürtige Australierin dabei stark an das Hollerith-Lochkartensystem im Dritten Reich, mit denen das Naziregime Minderheiten kategorisch erfassen und somit effizienter verfolgen konnte. Dieser radikale Vergleich soll auf die Problematik hindeuten, den schon die Biologin Donna Haraway erkannte, nämlich den Versuch der Technologiebranche, die Welt auf ein Problem des Kodierens zu reduzieren.

Im Falle der oben beschriebenen Beispiele wird die Software nach einer, durch die Entwickler festgelegten Norm, programmiert. Diese definiert allerdings den Durchschnittsmenschen in unserer digitalen Gesellschaft als männlichen Weißen. Wer von dieser Norm abweicht, ist nicht Teil dieser Gesellschaft. „Algorithms will rule the world“, warnte Andreas Dewes in seinem Vortrag “The toxicity of personal information in the Big Data age” und bezog sich, ebenso wie Moglen und Craword, auf die Gefahren eines möglichen Digitalfaschismus.

Die Vorträge waren repräsentativ für die Kernbotschaft der diesjährigen re:publica. Weg von der Frage „Wohin führt der technologische Fortschritt?“ zu „Wohin wollen wir, dass er führt und wie soll unsere digitale Zukunft aussehen?“ Zudem betonten die Redner auch, dass das Zeitfenster für einen Gestaltungsspielraum im Kampf um die Deutungshoheit nur noch kurz offen sei. Retten könne uns nur eins: Data Ethics.

Spannungsverhältnis zwischen kommerziellen und ethischen Interessen

Der Ruf nach ethischen Standards wird lauter, je stärker ein Anstieg an technologischer Veränderung in der Gesellschaf zu verzeichnen ist. Die Forderung nach einem verantwortungsvollen Umgang mit Daten ist dabei nicht neu, wird aber nach jeder neuen Datenmissbrauchsenthüllung in der öffentlichen Debatte kurzweilig und hypererregt wiederbelebt. Allerdings fragt man sich, wie ethische Richtlinien für die wirtschaftliche „Goldgrube Big Data“ überhaupt realistisch umgesetzt werden können, wenn es doch den Anschein hat, dass der Profit eines Unternehmens umso größer ist, je weniger es nach ethischen Standards handelt. Von einem Zuschauer auf diesen Verdacht hin angesprochen, erwiderte Crawford mit der scheinbar simplen Lösung, dass ein Einlenken der digitalen Global Player durch den öffentlichen Druck von alleine stattfinden würde. Diesen unerwarteten Optimismus kann man aber zu Recht anzweifeln. Klaus Landefeld vom Verband der Internetwirtschaft eco rügte bereits die erschreckend geringe zivilgesellschaftliche Resonanz, die nach Datenleaks und Missbrauchsenthüllungen in keinem Verhältnis zum relativ hohen Medienecho stehen würden. Dabei steht auch er als verbandspolitischer Repräsentant im Fokus der Debatte. So sollten nicht nur die Interessen der Digitalwirtschaft vertreten werden, sondern auch Werte des digitalen Verbrauchschutzes in der Berliner und Brüsseler Interessenvermittlung genügend Gehör finden.

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Photo by Megan Hodges: https://unsplash.com/photos/evRCmoraIss

Positionierung aller beteiligten Akteure

Unternehmen dürfen den Kunden zudem nicht nur als umsatzsteigernden Verbraucher sehen. Sie müssen sich an der Seite der Verbände und der Zivilgesellschaft öffentlich positionieren. Das Netz ist auch in der digitalwirtschaftlichen Sphäre kein rechtsfreier Raum. D.h. aber auch, dass der Gesetzgeber in der Handlungspflicht steht. Die Europäische Netzpolitik, die in der deutschen Digitalgemeinde immer noch um Glaubwürdigkeit ringt, ist in dem Zusammenhang Anfang Mai mit der EU-Datenschutz-Grundverordnung einen wichtigen Schritt in Richtung einer Stärkung der Schutzmechanismen für Verbraucher gegangen. Allerdings geht die Verordnung den Daten- und Verbraucherschützer nicht weit genug und gilt als von Lobbyisten verwässerter Kompromiss. Experten bemängeln zudem die fehlenden Selbstkontrollen, wie die Good Corporate Governance- und Compliance-Richtlinien der „offline“ Wirtschaft.

Nicht zuletzt benötigt es aber auch die kritische Selbstreflexion eines jeden Einzelnen innerhalb der Netzgemeinschaft. Die re:publica-Organisatoren machen es vor, denn auch auf der Veranstaltung selbst ließ sich ein Spannungsverhältnis zwischen ethischen und kommerziellen Interessen beobachten. So kritisierten viele Teilnehmer die Sponsoring-Partnerschaften mit Microsoft, IBM und dem in der Szene höchst umstrittenen Kölner Unternehmen Eyeo (Adblock Plus). Daraufhin äußerten sich die Organisatoren, man werde für die kommenden Ausgaben der re:publica einen „Code of Conduct“ entwickeln, der die Zusammenarbeit mit Sponsoren und Partnern regelt: „Die re:publica wächst und damit auch unsere Verantwortung, dessen sind wir uns bewusst.“ Ein Musterbeispiel und Aufruf an alle Unternehmen, sich mit dem Thema Data Ethics zu befassen.

 

Weiterführende Links:

Kate Crawford: Know you terrorist credit score! | re:publica TEN 2016

Eben Moglen & Mishi Choudhary: The last kilometer, the last chance | re:publica TEN 2016

Über die Datenschutzgrundverordnung:

https://netzpolitik.org/2016/eu-parlament-beschliesst-datenschutzgrundverordnung/

https://www.datenschutzbeauftragter-info.de/fachbeitraege/eu-datenschutz-grundverordnung/

 

@alex_dorf
Alexander Brenner, Account Executive am Standort Düsseldorf studierte Politikwissenschaften und befasst sich nun mit Kunden aus dem Bereich Consumer Electronics & Technology. Nebenbei hegt er ein besonderes Interesse für digitale und netzpolitische Themen.