„Allein mit Qualitätsjournalismus kann heute niemand mehr überleben“, das sagte Hubert Burda auf der Digitalkonferenz DLD in München Ende Januar.  Muss man sich also mit dem Gedanken anfreunden, dass Qualitätsjournalismus im digitalen Zeitalter nur überleben kann, wenn er querfinanziert wird?  Burda beispielsweise macht mit Holiday Check deutlich mehr Umsatz und Gewinn als mit Focus.de. Oder sollen wir uns mit dem Pseudo-Journalismus einer Huffington-Post zufrieden geben, der dem Thema „Paid Content“ eine ganz eigene Konnotation verleiht? Beides scheint für uns als Leser nicht unbedingt wünschenswert – wirtschaftliche Abhängigkeiten könnten zu massiven Interessenskonflikten für die vierte Gewalt im Staat führen. 

Umso besser, dass es auch durchaus hoffnungsvolle Signale gibt, die als Blaupausen für zukünftigen  Qualitätsjournalismus dienen könnten: Da wäre zum einen der neue Verbund für investigative Recherchen des Ex-Spiegel-Chefredakteurs Georg Mascolo. Unter seiner Leitung kooperieren Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR, um die laut Mascolo zunehmend komplexeren und anspruchsvolleren Recherchen auf mehrere Schultern zu verteilen und „die notwendigen PS auf die Straße zu bringen“. Ein Modell, das Schule machen sollte? So nach dem Motto „gemeinsam sind wir stärker“? Kann das tatsächlich funktionieren in einem ansonsten sehr wettbewerbsintensiven Umfeld?

„Koopetition“ –  Kooperation und Competition lautet ein Schlagwort aus der Wirtschaft, das in den letzten Jahren in vielen Unternehmen immer mehr Anhänger findet und das möglicherweise auch als Modell für schlagkräftigen Journalismus in Frage kommt?  Lutz Marmor, ARD-Vorsitzender und NDR-Intendant, meint ja. Für ihn ist der neue Verbund ein Beispiel dafür, wie gemeinsam die Grundlage für anspruchsvollen Journalismus gelegt werden kann. Hier jedenfalls wird ein Zeichen gesetzt, das eher einem Aufbruch gleichkommt – gut so!

Durchaus einen „Heimvorteil“ haben allerdings die regionalen Tageszeitungen  –  ihre Qualität liegt vor allem in einer guten regionalen Berichterstattung, egal ob print oder digital. „Unseren Content hat in der Regel kein anderer“ sagt Dr. Hartmut Reichardt, langjähriger Chefredakteur der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung. „ Alles Überregionale haben alle anderen auch, deswegen ist dort der Kampf so unerbittlich und eher durch Zusammenschluss zu führen. Die Qualität allerdings liegt im Auge des Betrachters, und der Leser will doch vor allem sicher sein, glauben zu können, was er liest und dabei zu wissen, dass das, was er liest, keiner Weisung oder dem Interesse Dritter folgt.“

Eine weitere Option ist der Ausbau digitaler Qualitätsangebote von Verlagen. Ob kostenpflichtig oder werbefinanziert – dass ist wohl eher eine Frage des Geschäftsmodells. Auch wenn sich bezahlte Inhalte für die meisten Tageszeitungen heute und in absehbarer Zeit wohl nicht rechnen werden, wie  Reichardt bestätigt. Er testet das Experiment mit bezahlten Inhalten dennoch seit einigen Monaten auch für seine Regionalzeitung. Sein Rezept lautet: Exklusive Inhalte nur gegen Bezahlung. Ob das allerdings jemals einen nennenswerten Beitrag zum Geschäftsergebnis bringen wird, bleibt abzuwarten.

Insgesamt scheinen die neuen Technologien jedenfalls mehr Chancen als Risiken zu bergen. Digitaler Journalismus muss also nicht zum Totengräber für Qualität werden. Charles Homans, Redakteur beim Multimediamagazin The Atavist bringt es auf den Punkt: „New technologies are no thread but hope for journalism. We just have to figure out how to use them.“ Also keine Bedrohung, sondern eine neue Hoffnung für guten Journalismus?

Könnte sein. Der Trend geht – zumindest für diejenigen Redaktionen, die sich das leisten können – zu Multimedia-Features. Die New York Times setzt mit ihren Multimediareportagen hier eindeutig Maßstäbe: die Snowfall-Story aus dem Jahr 2012 ist unvergessen  (http://www.nytimes.com/projects/2012/snow-fall/#/?part=tunnel-creek). Aber selbst deutsche Regionalzeitungen gehen in die Offensive: So erschien in der Rhein-Zeitung  unter dem Titel Arabellion im vergangenen Frühjahr ein Online-Special zur Situation in vier arabischen Ländern – Untertitel: Was vom Frühling bleibt. Arabellion sei „das erste deutsche Snow Fall“ gewesen, sagt Julius Tröger, Multimedia-Redakteur der Berliner Morgenpost. „Journalist online“ kürte zudem gerade die besten Multimedia-Reportagen 2013  – es gibt davon immer mehr und auch in sehr guter Qualität. Aber noch sind es vor allem die Großen, die das Rennen machen. Und auch hier gibt es  Projekte, die nur durch Kooperationen oder andere alternative Finanzierungsformen zustande kamen.  Denn Qualität kostet: 113.000 Dollar hat beispielsweise das Multimedia-Feature Hollow gekostet. Es rekapituliert den Verfall einer Stadt in West Virginia, deren Einwohnerzahl im Laufe von rund 50 Jahren von 100.000 auf 22.000 sank. Finanziert wurde die Story unter anderem vom  West Virginia Humanities Council, einer Non-Profit-Organisation aus dem Bildungssektor. Ist das nun irgendwie schlechterer Journalismus, weil „fremdfinanziert“? Man sollte wohl in jedem Fall etwas genauer hinschauen, wenn sich solche neuen Allianzen bilden.

Doch es muss ja nicht immer alles „Tatort“-Qualität haben: „Selbst iPhone-Videos sind schnell und inzwischen mit einem ausreichenden Qualitätsanspruch zu produzieren“ so Chefredakteur Reichardt. Seiner Meinung nach ist genügend digitaler Content verfügbar – auch Leser-Videos sind für ihn eine durchaus akzeptable Option.

 

Manuela Rost-Hein

Senior Consultant

Ketchum Pleon Global Media Network