Es ist beinahe unvermeidlich: Sobald der Frühling sich zeigt, das Thermometer die 20- Grad-Grenze übersteigt, läuft in deutschen Redaktionen der scheinbar immer gleiche Gedankengang ab. Man sieht landauf landab in beinahe jeder Zeitung Fotos, die lachende Teenager zeigen, untertitelt mit „Bei einem Eis genießen Leonie und Heike die ersten Sonnenstrahlen“. Genauso zwangsläufig ist die Berichterstattung über Plakatmotive zu Wahlkampfzeiten. Experten, vermeintliche Spezialisten und offenkundige Laien setzen sich dann mit den Parteikampagnen auseinander. Meist geht es nur darum, einmal so richtig vom Leder zu ziehen: monieren, kritisieren, abwatschen. Schließlich ist man nicht persönlich involviert. In den Wochen vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ist das nicht anders.

So beklagt ein Marketing-Chef aus Troisdorf, Hannelore Kraft sehe „unnatürlich und viel zu gestylt aus“. Ein 16-jähriger Schüler findet Röttgen sympathisch, weil mit Kind abgelichtet. Und ein Gestaltungslehrer urteilt, Lindners Talkmaster-Haltung suggeriere Sachkompetenz. Wieder andere Schlüsse zieht eine Bremer Werbeagentur nach „neurowissenschaftlicher Untersuchung“: Der Mimik Röttgens müsse „eine unmotivierte Wirkung attestiert werden“. Die SPD hingegen könne gut ankommen, weil die Currywurst im Ruhrgebiet „ein positiver Wert“ sei. Sehr beliebt auch die Spekulationen über Farben: Ein Designprofessor meint, bei der CDU signalisiere „das unkonventionelle Orange“ Offenheit; „unaufdringlich-edel“ hingegen käme die SPD mit den blassen Lila- und Magentatönen daher. Gut, dass wir all das jetzt endlich wissen.

Ich bin mir nicht sicher, was undankbarer ist: Wahlplakate unter dem Diktat der Parteioberen an Wähler bringen zu wollen oder als Experte eben diesen oft mäßig intelligenten Aufguss zu bewerten? Eines ist zumindest für mich klar: Wahlplakate nerven, ob ihrer mangelnden gestalterisch-sprachlichen Qualitäten und ihrer aufdringlichen Präsenz.

Immer wieder wird zudem aus allen Richtungen moniert, Wahlplakate transportierten keine Inhalte – und wenn, dann nur austauschbare. Mit dem Ergebnis, dass sie insgesamt eher Reaktanz auslösten. Vorausgesetzt sie werden überhaupt wahrgenommen, und auch das erscheint trotz des massiven Aufwands fraglich. Denn zum Verdruss der Parteien haben Werbepsychologen berechnet, dass Passanten einem Motiv durchschnittlich zwei Sekunden Aufmerksamkeit schenken. Marktforscher behaupten sogar, Wahlplakate bestärkten wenn überhaupt nur die eigene Klientel, neue Wähler würden sie kaum anwerben.

Umso berechtigter daher die Frage, ob wir Wahlplakate überhaupt noch brauchen? Ob wir die ganze Plakatiererei landauf landab nicht aus Kostengründen oder zumindest zum Schutz der Umwelt und der Ästhetik unterlassen sollten? Ob all das Getöse im Zeitalter digitaler und sozialer Medien überhaupt notwendig sei?

Beim Anblick der gestelzten Röttgen-Inszenierung mit kleinem Jungen bin ich geneigt zu sagen „Nein“, beim inhaltsleeren Wohlfühlslogan „NRW im Herzen“ oder den bemüht witzigen Kraft-Wortspielen – gleich dreimal „Nein“. Wenn es vom Laternenmast tönt, man sei systemrelevant, ist das auch nicht gerade eine kommunikative Glanzleistung. Ohne irgendjemandem nahetreten zu wollen behaupte ich, solche Plakate beeinflussen wohl kaum eine persönliche Wahlentscheidung.

Dennoch: Kennen Sie Schweinebauchanzeigen? So nennt die Werbebranche abfällig jene Anzeigen, die Discounter meist montags in Tageszeitungen veröffentlichen. Abfällig, weil die Produkte häufig billig fotografiert sind und mit anspruchsvoller, kreativer Werbung nichts gemeinsam haben. Sie wecken kaum Emotionen – und wenn, dann selten positive. Trotzdem sind sie aus dem deutschen Leben kaum wegzudenken. Sie geben, jenseits der reinen Verkaufsabsicht, nämlich so etwas wie Orientierung. Viele Partei-Plakate funktionieren für mich so ähnlich wie diese Schweinebauchanzeigen: Es geht nicht darum, mit eingedampften Worthülsen das Informationsbedürfnis der Wähler zu stillen. Für differenzierte Aussagen ist kein Platz, für alles andere fehlt der Wille. Die Piraten bringen das auf den Punkt: „Vertrau keinem Plakat – Informier dich!“ Politik ist eben doch komplexer und muss an anderer Stelle verständlich erklärt werden.

Ich glaube, dass wir die zugekleisterten Laternenmasten und Litfaßsäulen dennoch brauchen. Dass Parteien auf Wahlwerbung an jeder Kreuzung und auf jedem freien Stück Grün nicht verzichten sollten. Nicht etwa, weil uns die dortigen kommunikativen Glanzleistungen erhellen. Sondern vielmehr, weil uns der ganze Plakatirrsinn für einen kurzen Zeitraum an unser wichtigstes Grundrecht erinnert: Für demokratische Wahlen müssen wir nicht auf die Straße gehen und Leib und Leben riskieren. Plakate – so überflüssig und störend sie oft wirken – sind sichtbarer Ausdruck unserer Freiheit. Ich hoffe im Innersten, dass sie Menschen noch immer mobilisieren können. Wenigstens eines sollte aber klar sein: Niemand kann behaupten, er oder sie hätte von der Wahl nichts mitbekommen.