Der kurzer Trend von gestern oder die Technik von morgen? Über virtual reality (kurz VR) wurde schon einiges gesagt. Was die virtuelle Realität aber in der Praxis nützt und was es dabei zu beachten gilt, schreibt unsere Kollegin Gesine in diesem Gastbeitrag.

 

Im aktuellen Hype Cycle 2018 von Gartner taucht Virtual Reality nicht mehr auf. Die Begründung der Autoren: VR sei inzwischen so ausgereift, dass sie nicht mehr als neue Technologie klassifiziert würde. Im Massenmarkt ist VR deswegen aber noch lange nicht angekommen. Aktuell gibt es spannende Einsatzfelder in Unternehmen – insbesondere für Simulationen und Trainings – und jede Menge Stoff für Spieleenthusiasten. Für den großen Vorstoß in den Unterhaltungsmarkt fehlen jedoch noch die blockbuster-fähigen Inhalte. Noch fühlen sich Spiele häufig pixelig und ruckelig an, große 360-Grad-Filmproduktionen sind bislang Mangelware.

 

Was macht Virtual Reality so interessant?

Virtuelle Welten bergen großes Potenzial, Menschen zu faszinieren. Nach wenigen Minuten Stöbern im Oculus Store – dem Inhaltsangebot von Facebooks Oculus VR – bin ich in ein schwarzes Loch gefallen, durch die ISS Raumstation spaziert und mit Tom Cruise im Helikopter geflogen. Mit VR kann man an Orte gelangen, die sonst unerreichbar sind: in menschliche Gefäße genauso wie in die Akropolis und ins Forum Romanum zu ihren Glanzzeiten. Derlei Möglichkeiten machen VR besonders spannend für die Aus- und Weiterbildung. Und es sind diese Eigenschaften, die sich Unternehmen für Recruiting und Employer Branding zu Nutze machen können. VR-Technologie gewährt authentische Einblicke in Teams, holt Menschen virtuell an ihren neuen Arbeitsplatz und beflügelt ihre Vorstellungskraft, künftig Teil des Unternehmens zu sein. Das eignet sich insbesondere auch für die Ansprache von internationalen Talenten, die auf diese Weise von jedem Ort der Welt einen plastischen Eindruck vom potenziellen Arbeitgeber erhalten.

 

Wie lässt sich VR für das Recruiting einsetzen?

Unser VR-Projekt – Das Universitätsklinikum Dresden in 360° 

Das Problem: Ein Meer an Berufen und Berufsbezeichnungen. Wie der Arbeitsalltag genau aussieht, ist oft nur schwer vorstellbar. Das gilt vor allem für Schüler und Schülerinnen, die sich für eine Ausbildung interessieren. Um Nachwuchs für medizinische Berufe zu gewinnen, haben wir für das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden im Rahmen seiner „Jobs mit Aussicht“-Kampagne 360-Grad-Videos produziert. Ziel war es, verschiedene Ausbildungsberufe greifbar zu machen. In den kurzen Clips können Jugendliche den Auszubildenden am Universitätsklinikum Dresden während ihrer Arbeit über die Schulter schauen. So bekommen sie einen realistischen Einblick in den Job und ein Gefühl dafür, ob sie sich diesen Berufsalltag vorstellen können. Ein weiterer Vorteil: Das Uniklinikum zeichnet als innovativer Arbeitgeber ein modernes Bild medizinischer Berufe. Tatsächlich kommt VR nämlich bereits im Alltag des Klinikums zur Anwendung: So forschen Mediziner am Dresdner Universitätsklinikum unter anderem, wie VR-Technologie die OP-Planung und Navigation unterstützen kann.

Seeding der VR Videos über das Social Web hinaus

Auf der Website und dem YouTube-Kanal des Universitätsklinikums Dresden sind die Videos abrufbar. Zukünftig kommen sie auch auf den Social-Media-Kanälen für das Recruiting neuer Azubi-Jahrgänge zum Einsatz. Vorrangig zeigen wir die Videos jedoch offline – auf Karrieremessen und Veranstaltungen, die sich direkt an Schülerinnen und Schüler richten. Sie bekommen dadurch einen unmittelbaren Einblick in den Job. Ein weiterer Vorteil: Die VR-Videos sind ein echter Hingucker und Eisbrecher bei der Ansprache junger Menschen. Um den Effekt zu verstärken, kommt vor Ort eine HTC Vive zum Einsatz, die mit einem Monitor gekoppelt ist. So können Passanten live mitverfolgen, was der Standbesucher auf der VR-Brille sieht. Außerdem stehen zwei Oculus Go zur Verfügung, auf denen die Videos kabellos und ohne Internetverbindung angesehen werden können, um sich unabhängig von instabilem WLAN zu machen.

 

Diese 3 Dinge solltet ihr bei der Produktion von VR-Videos beachten 

Eine GoPro Fusion und ein dynamischen Konzept – damit sind unsere VR-Videos entstanden. Die Handlung haben wir gemeinsam mit den Auszubildenden entwickelt, damit die Szenen authentisch sind. Jeder Dreh wurde von erfahrenen PraxisanleiterInnen begleitet, die auf die hohe fachliche Qualität geachtet haben. Visuell müssen im Gegensatz zur klassischen Video-Produktion andere Faktoren berücksichtigt werden:

  1. Ein spannendes Setting. 360-Grad-Videos erfordern einen Raum, in dem es viel zu entdecken gibt. In den Szenen muss viel Bewegung entstehen und zwar in allen Richtungen um die Kamera herum. Das Filmteam darf dabei natürlich nicht im Raum sein, sodass die Anweisungen im Vorfeld sehr detailliert erfolgen müssen.
  2. Ein zeitsensibler Schnitt. Das Publikum muss langsam an das Geschehen herangeführt werden. In 360° Videos braucht man Zeit, sich im virtuellen Raum zu orientieren. Das muss beim Schnitt beachtet werden.
  3. Eine effiziente Post Production. Für die Ausbildungsvideos des Universitätsklinikums Dresden haben wir die Tonspur separat produziert, was die Post Production erheblich effizienter gemacht hat. Der Sprecher übernimmt hier die Aufgabe, den Betrachter durch die Szenen zu führen.

Durch die oben genannte Herangehensweise ließ sich der Produktionsaufwand auf ein Minimum reduzieren: Von der Drehvorbereitung über die reine Drehzeit von weniger als 30 Minuten pro Video bis zur Produktion der Tonspur und Post Production sind weniger als zwei Wochen vergangen. Natürlich lassen sich VR-Videos auch um aufwendigere Details anreichern von der Integration von Infografiken bis hin zu interaktiven Elementen. Welches der richtige Ansatz für die jeweilige Zielstellung ist, dazu berät das Team von Ketchum Pleon von Konzept, Drehbuch und Produktion bis hin zum Einsatz der Technik bei Events und dem Seeding der Videos.

 

Die Zukunft von VR

Perspektivisch wird VR vor allem in Unternehmen noch mehr sinnvolle Einsatzfelder finden: ob nun in der Weiterbildung wie bei der Deutschen Bahn, die Zugbegleiter für die Arbeit im neuen ICE 4 trainiert, oder im Vertrieb wie bei Audi mit der „Audi VR experience“ im Autohaus. Die Experten auf der Gamescom sehen die Zukunft von VR in kleinerer, nutzerfreundlicher Hardware, verbessertem Eye Tracking und der Anreicherung um zusätzliches Equipment wie Cybershoes und Handschuhe, die das virtuelle Erlebnis noch realer machen. Die Inhalte sind dabei vor allem eines: sozial. Wir werden Freunde auf dem Schlachtfeld, Kollegen im virtuellen Konferenzraum und vielleicht bald den neuen Kollegen aus Peking im VR Onboarding Center treffen.

 

Über die Autorin

Freizeitplanung mit Alexa, Fitness mit VR, Visual Programming mit Sphero – die Autorin Gesine Märten hat ein Faible für Gadgets und berät als Senior Consultant am Standort Dresden Unternehmen dazu, wie sie neue Technologien sinnvoll in die Unternehmens-, Produkt- und Krisenkommunikation einbinden können.